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Vortrag Nigeria Boko Haram, Robert Kappel

29.4.2015 in Hamburg, GIGA-Forum

Podiumsdiskussion,

siehe Publikation als pdf-Datei:http://www.giga-hamburg.de/de/system/files/publications/gf_afrika_1503.pdf

 

Kappel, Robert (2015), Ausweitung der Kampfzone: Boko Haram und die Krise in Nigeria, GIGA Focus Afrika, 03/2015, Hamburg: GIGA

  1. Kurze Geschichte: es geht nicht nur um Boko Haram, verschiedene Gruppen, dezentral, muslemisches Umfeld
  • 1990er/Vorläufer im 19 Jhdt.; 2000 dann Maiduguri, Aufbau eigener Moscheen, Kleidung, Elitengruppe, die auch jugendliche Arbeitslose beschäftigt
  • Kooperation mit lokalen Führern, Modo Sheriff, Gouverneur des Bundesstaates Borno – Mohammad Yusuf wurde gar Minister für religiöse Angelegenheiten
  • Erschießung Jusufs in einem Polizeirevier Maiduguris — Radikalisierung, Ausbildung von Kämpfern bei Al Shabab…
  • Gezielte Terroraktionen, große Ausbreitung
  • Lokales Phänomen, Kanuri.
  • BH dezentral, zahlreiche andere Akteure: Ansuru im mittleren Norden Nigeria (Kano) und bspw. Izala, die „Gesellschaft zur Ausmerzung unislamischer Neuerungen und zur Errichtung der Sunna“.
  • Alle wollen Gottesstaat, von denen es bereits einige im Norden Nigerias gibt: im Bundesstaat Zamfara bspw.
  1. Warum BH sich so entfalten konnte
  • Kampfkraft, schnell agil, flexibel Guerillatruppe, dezentral agierend, Einzelaktionen, Kleingruppen, große Aktionen zum Überfall auf Kasernen und Polizeistationen und Verwaltungen
  • Enge Verbindungen zum Establishment: enge Vernetzung mit einigen radikalen Würdenträgern, Unterschlupf, finanzielle Zuwendungen.
  • Milieu
  • Verbindungen in die Armee: hohe Offiziere, die an den erhöhten Mitteln zum Kampf gegen BH profitieren; Verkauf von Waffen aus Beständen der Armee, einfache Soldaten
  • Einsatzpläne wurden verraten
  • BH ist die Speerspitze gegen den im Norden verhassten nigerianischen/korrupten Staat und gegen die brutale Armee (siehe Berichte von Amnesty International): Hass gegen die staatlichen Institutionen, lokalen Verwaltungen, die nichts für die BEV tun
  • Offene Grenzen nach Tschad und Kamerun (Kanuri, lokale Sprache), Rückzugsgebiete in Nachbarländern, dort auch Partner im Kampf gegen den westlichen Staat
  • Versagen des Staates in jeder Hinsicht: keine Schulen, keine Gesundheitsversorgung, keine Jobs, De-Industrialisierung, kein Vertrauen, dass der Staat etwas machen wird, nur korrupt
  • Daten: 70 % ohne Schulbildung, 90%; schlechte Infrastruktur, Nordostnigeria eine der ärmsten Regionen weltweit, HDI extrem niedrig
  • Keine Modernisierung, keine staatlichen Strukturen, zerfallene Region
  1. Welche Verbindungen gibt es zum IS etc:

Lockere Verbindungen zu Al Shabab in Kenia (Ausbildung im Jahr 2009 und 2010), zur Organisation al-Qaïda au Maghreb islamique (AQMI) in Mali und zum Islamischen Staat (IS) in Syrien/Irak. Aber nicht tief, dass BH sich dem Kalifat von IS unterworfen hat, ist eher Ausdruck der Schwäche…

  1. Kann BH besiegt werden?
  • 2014: 22 Tsd. Tote
  • 2015 bereits 8 Tsd.
  • 1,5 Mio Flüchtlinge innerhalb Nigerias und in den Nachbarländern
  • Gegenwärtig Einhegung BH durch das Vorgehen der Armeen des Tschad, Kameruns, Nigers, die teilweise sogar auf nigerianischem Territorium agieren (Probleme mit nigerianischer Regierung). Die nigerianische Armee erst in letzter Zeit durch den Einsatz von Söldner erfolgreicher und beweglicher: Kampfeinsätze durch Hubschrauber, Raketeneinsätze professionellen Terrorkämpfern. Nigerias Armee feiert Siege, die die anderen errungen haben.
  • Grenzen durch die Nachbararmeen einigermaßen gesichert: aber nicht vollständig. Immer wieder Anschläge: vor drei Tagen im Tschad.
  • BH hat Verluste, und befindet sich in der Defensive, aber keineswegs besiegt.
  • Lässt sich allein militärisch nicht besiegen
    • Sicherheitszonen bilden
    • Vertrauen der Bevölkerung schaffen (keine Übergriffe durch die Armee)
    • Verhandlungen mit BH
    • Angebote an die Kämpfer von BH (vor allem den zwangsrekrutierten): siehe Niger-Delta
    • Entwicklungsplan Nordnigeria: Entwicklung des Landes, Straßen, Elektrizität, Schulen, Mädchen fördern und alle Mädchen in die öffentlichen Schulen, attraktive Angebote, ärztliche Versorgung. Neue KMU-Ansätze… nicht mehr Geld für die Verwaltungen sondern für Fördermaßnahmen
    • Reformer des Islam stärken, Kultur der Reformen fördern

 

  1. Gibt es BH-Kämpfer im Westen:
  • Nicht viele, aber die Zahl steigt durch die Fluchtwellen aus Nigeria in die Nachbarländer und nach Europa. Zentrum London.
  • BH ist unter einigen Nordnigerianern im Ausland durchaus ein Thema.
  • Da BH voraussichtlich über einen längeren Zeitraum weiter agiert, weil das Milieu aus dem sie stammen, bestehen bleibt, wird es auch Kämpfer für die Sache BHs im Ausland geben.

 

Ein Wort zum Schluss: die Aussichten BH einzuhegen sind angesichts des Versagens des nigerianischen Staates eher gering. Ob Buhari BH innerhalb einiger Wochen vernichten kann, muss bezweifelt werden. Leider hat Buhari bislang kaum Erhellendes verlauten lassen. Er setzt auf die militärische Karte… dies wird jedoch dann wieder zu einem Erstarken von BH oder noch radikalerer Kräfte führen, sobald die Nachbararmeen abgezogen werden und die Söldner, die täglich eine halbe Mio. $ kosten, nicht mehr bezahlt werden können.

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