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Tuchler
Tuchler Haus, Haifa, gebaut 1934

Oh ja, Haifa oh ja

Robert Kappel, 23.6.2017

Haifa ist ein ganz entzückender Ort mit unglaublich interessanten Menschen und wundervoller Landschaft, eine Stadt in der Übergangsphase von der industriellen Entwicklung zu High Tech. Dreißig Prozent der Bevölkerung sind israelische Palästinenser.

Was kann man sich besser vorstellen als einen Blick zur rechten Seite aufs Meer und Atlit und Caesarea kurz vor der Nase und zur Linken den Hafen und etwas weiter im Norden Akko. Haifa – liegt wie ein Traum, hat einen ganz eigenen Charme, der in keiner Weise mit Tel Aviv zu vergleichen ist. Tel Aviv, flach, viele Menschen, Verkehr, start up Szene, junge Menschen, alles ist extrem teuer, und natürlich den Beach bis Jaffo. Lebensfreude, die alle Welt anzieht. Und hier wird das Geld verdient, aber nicht nur hier.

Aber Haifa… hat was, sagen die Bekannten. Warum nach Tel Aviv, wenn ich gut in Haifa leben kann und mit dem Auto in 1 ½ Stunden im Brodelpott bin.

Haifa – anders als Tel Aviv – hat Berge, Carmel und hat auch Berge im Hintergrund, die Berge zum Libanaon sind zu sehen. Alles um die Ecke, aber wer will schon in den Libanon. Die Grenze ist ja eh geschlossen. Was wäre wenn, wenn sie nicht geschlossen wäre, wir am Abend nach Beirut zum Tanzen fahren, an die Strände und in die Berge dort. Oder nach Damaskus, wenigstens mal in den Bazaar, aber wer will denn schon nach Syrien, außer ein paar Hizbolathen, die nichts Besseres als Zerstörung im Kopf haben. Ja, man könnte nach Amman und Petra fahren, vielleicht nicht schlecht, um die Abendsonne untergehen und die sieben Berge zu sehen. Aber will ernsthaft jemand nach Osten und Süden, durch den Sinai nach Ägypten. Jedenfalls wir nicht. Und viele Israelis auch nicht.

Aber man stelle sich vor, es gäbe Frieden und alles wäre freundlich miteinander, ein großer Wirtschafts- und Kulturraum. Das wäre was.

So bleiben wir in Israel, der am weitesten entwickelten Ökonomie im Nahen Osten. Hier gibt es alles, und alles ist extrem teuer. Viele Menschen haben zwei drei Jobs, könnten sich sonst keine Wohnung und kein Auto leisten. Das Leben ist hart und viele sind verschuldet, Auto auf Pump, Wohnung auf Pump, Urlaub auf Pump. Viele Journalisten wittern schon einen wirtschaftlichen Einbruch. Aber die Makrowirtschaftswissenschaftler der israelischen Zentralbank sehen keine Krise und auch keine Bubble aufziehen. Im Gegenteil die israelische Wirtschaft wird als stabil und dynamisch angesehen. Die Innovationsfähigkeit ist groß, die Leistungskraft sehr hoch. Und sie könnte noch höher sein, wenn alle Potentiale ausgeschöpft würden.

Nun denn, die Israelis sind sehr erfinderisch und vor allem ziemlich clever, weil sie ununterbrochen debattieren und sich einmischen, da kommen immer viele Ideen zusammen, auch wenn nicht immer die guten umgesetzt werden. Alles wird diskutiert. Warum kommst du nach Israel, wegen Humus und wegen der guten Tomaten? Ja, das Obst, irre (teuer) gut. Tomaten der Traum, mittlere kleine, dunkle, viele gelbe, unglaublich, wie die dich glücklich machen können. Ach und alles andere an Obst auch, Datteln unfassbar weich und süß, da kommen die kalifornischen nicht mit. Ich glaube wir bringen ein paar Kisten mit und essen Datteln, trinken Dattelwein, essen Khashkaval, oder eingelegte Aubergine, dann den Blumenkohl, bräunlich mit Currysauce. Habe ich gestern mit Dani, meinem neuen Freund, gegessen, im Lokal nebenan. Sasson Bar ebenfalls auf Muriah Avenue. Dazu irres Brot, Focacchio mit Käse ganz leicht und schönen Gewürzen. Und dann dazu der Nanatee. Laute stampfende Musik, junges Publikum, gerammelt voll, Gruppen, gemischt, laut und ununterbrochen am Reden. Kann man hier die Tür nie zu machen?

Bäckereien aller Orten, kleine große, offene, schicke wie Roladin, sogar mit Torten und extrem leckeren Apfelstrudel. Überall dieser Duft von Brot, Blätterteig, salzig süß. Ein Dufttraum.

Essen ist eine Leidenschaft. Vielfalt und Gleichheit. Irgendwie ist das Essen überall gleich, fast überall dasselbe auf der Karte. Der Unterschied ist die Qualität. Im Mandarin (nicht wirklich ein Chinese, tatsächlich ohne irgendein chinesisches Gericht), im Mandarin, eine Kette, die den Namen wohl nur wegen des wohlklingenden Namens gewählt hat. Im Mandarin gibt es alles Typische: kleingehakter israelischer Salat, Kartoffelbrei mit Fisch, Aubergine geröstet, Focchachio mit den üblichen Beilagen und Gemüsen, natürlich die Humusteller, groß und breit und oft extrem nett angemacht, manchmal auch mit Trina. Im Umm Kulthum, unserem Lieblingslokal, ist alles das in extremer netter Qualität gereicht. Alles vegetarisch und vegan. Dort gibt es auch einen ausgezeichneten Lebaneh, ein Joghurt mit Humus – Zitrone und sehr angenehm gewürzt. Wir könnten drin schwimmen. Wenn Ihr mal nach Haifa kommt, dort mal vorbeischauen. Auch nett, man sitzt direkt an der Straße, nahe am Verkehr, die Autos jagen in der Rot-Grün-Phase vorbei, alle 20 Sekunden ist es ruhig. Bedienungen sehr nett, sehr jung und nur teilweise des Englischen mächtig. Aber wer nicht kann, holt jmd., meistens Frauen, die können. Im übrigen, wer glaubt mit Englisch sehr gut weiterzukommen, wird sehr oft enttäuscht. Viele können Null englisch, vor allem die russischen Israelis und es gibt einen Trend, wonach Israelis eher nicht mehr gerne andere Sprachen lernen, hingegen die Palästinenser, die sehr viel Wert darauf legen, wie eine Studie zeigt, die vor ein paar Tagen veröffentlicht wurde. Viele Palästinenser wollen raus, vor allem in die USA. Und lernen die Fremdsprache. Kann ja auch auf dem wachsenden Arbeitsmarkt nicht schaden.

Fartoush ist ein arabisch israelisches Lokal, das einen Besuch auf jeden Fall lohnt, in German Colony, hier waren die Templer und haben zahlreiche Gebäude gebaut, die heute als Restaurants dienen. Ein bisschen steril rausgeputzt, dennoch es lohnt sich vorbeizuschauen. Gleich an den Bahai Gardens. Fartoush, man sitzt unter wunderschönen Bäumen, große Tische, viele sind mit Familien besetzt. Ein Traum von Humus, fast so gut wie Umm Kulthum. Salate, Fische, Schnitzel und eine super Lemonana (Minze und Limonade).

Aber das Leben ist auch sonst einfach spannend in dieser teilweise sehr schmutzigen und schmuddeligen Stadt. Am Wasser, Hafen, in den Industriegebieten, da ist noch so eine alte Industrie vorhanden, mit allen möglichen Tausenden von Betrieben. Ein Gewusel, man verfährt sich hier laufend, Autobahnen, Tunnel, Baustellen, Zementberge, Absperrgitter, Overflies, Hektik hoch drei. Dort auch ein Busbahnhof, für Busse in die Städte nach Norden und Osten, alle Richtungen, nach Hebron, nach Ramallah, nach Akko, nach Tiberias. Ich bin am Nachmittag dort. Sehr viele junge Militärangehörige unterwegs, alles junge Leute in ihren beigen Uniformen. Und dort verstickte Luft, ununterbrochen kommen Busse an und fahren weg. Alles voller Publikum: junge Familien, Religiöse mit Kinderwagen und zwei drei Kindern an der Hand, mit hohen Hüten. Auch sie hektisch auf dem Weg nach Hause. Junge Mädchen ohne Uniformen, die von der Arbeit kommen, ältere Männer, alles strömt freundlich in die Busse. Anstehen eher nicht, aber jeder kommt mit. Wir haben ein Rafcaf, eine elektronische Fahrkarte, die wir aufladen und mit der wir überall in Israel in die Busse und Bahnen steigen können. Sehr sehr effektiv und sehr schnell, und in Israel muss alles schnell gehen. Im Bus, alle reden miteinander, jede spricht sofort das gegenüber an, man ist ununterbrochen im Austausch. Was machst Du hier, warum bist du hier. Alle wissen Bescheid. Wir fragen eine Frau, wie es zum Einstein Einkaufscenter geht. Sie sagt, da geradeaus. Aber warum gehst Du dorthin, hier gleich nebenan im Chorev Center ist es doch viel billiger. Alle haben Ratschläge für Dich, was besser ist, was schlechter, was wo teurer ist, wo es am besten ist. Geh doch morgens um 6 Uhr zum Strand, da ist das beste Wetter, nimm den Bus 136 der fährt direkt. Wenn du den 122er nimmst, musst du nochmal umsteigen.

Fragst Du jmd. nach dem Weg, wissen alle Bescheid, fast alle. Ja, von hier aus sind es sieben Minuten, ersten Roundabout rechts, die 2., dann sofort scharf rechts, die erste. Und dann bis zur Nummer. Na ja, nicht immer versteht man sofort, aber oft stimmt es, und meistens sind es Soldaten, die mit Entfernung und Straßenverlauf sehr gut umgehen können. Aber wer nicht weiß, könnte dir auch einen nur halb richtigen Tipp geben, und dann bist Du halt woanders.

Überhaupt Duzen. Alle duzen sich, alle kommen in Sandalen, auch die Dozenten und Professoren an der Uni, es ist einfach zu warm für feste Schuhe. Duzen – no way. Gehst du zur Verwaltung, wo sie radebrechend englisch sprechen gehen alle auf den Vornamen, ist einfacher, auch in den Cafés usw. Berliner sind das ja gewöhnt, Hamburger eher nicht, aber in Israel machen das fast alle. Inzwischen habe ich mich dran gewöhnt, dass eine 19-jährige Praktikantin mich einfach duzt. Und dass das auch gut ist.

In der israelischen Eisenbahn kann es leicht passieren, dass ein Soldat mit einem Maschinengewehr neben Dir sitzt. Einfach so, ganz locker. Macht nichts, man sitzt halt daneben und wartet, dass er aussteigt, denn die Waffe nimmt viel Platz weg. Der Zug von Haifa nach Tel Aviv fährt jede halbe Stunde, man kommt also immer gut hin und zurück. Ankommen am HofACarmel ist besonders nett, die Station ist gleich am Strand und der ist dort ein Traum. Wasser, Salz, schöne Wellen, 25 Grad und dann ins Café auf n Grapefruit Drink und was Essen. Schon wieder essen, ja so ist es. Die Teller sind groß und voll, meistens reichen die Starters… aber man gönnt sich ja sonst nix. Einfach Ausprobieren.

Wir gehen gern auf Moriah Av. spazieren, dort haben wir unser Lieblingscafé Silva mit netter Bedienung, einem Mittagstisch (Kartoffelbrei mit Lachs, oder vegetarische Lasagne, oder Quionea Salat, dann den leckeren Doppelespresso mit oder ohne Schaum). Hier kann ich sogar alleine hingehen, weil alle Englisch können. Hier sitzen die Jeckes und diskutieren die Weltlage, die jungen Israelis, Sonnenbrille auf cool gucken, und genießen 20 Minuten Arbeitspause.

Der Vermieter, der Gabi. Ein Jecke reinsten Wassers. Er hilft wo er kann, repariert, verleiht n Telefon (geladen), weiß einen Zahnarzt und wo man am besten einkaufen geht. Ich musste sogar zum Zahnarzt, d.h. sie ist eine Ärztin, Iritt. Sehr sehr nett. Sie hat mich gequält, aber dann hat sie mich jedesmal nach der OP und der Nachschau umarmt. Außerdem wollte sie zum Kaffee einladen, ist aber nicht dazu gekommen. Dafür haben wir uns beim Weinkaufen gesehen, auch hier Umarmung, so als ob man zur selben Schule gegangen ist.

Im Haus gibt es einen netten Hund, der kommt immer an, wenn man auf der Traumterrasse sitzt und Kaffee trinkt. Er will nur n bisschen kuscheln, rumlungern und unterhalten werden. Ein sehr netter und sehr junger Großhund, so ungefähr wie ein Pferd. Sein Name ist Frey. Nach der schweizerischen Schokolade. Er bellt nicht und beißt nicht mal. Er spielt, er spricht und ich werfe eine Blüte nach ihm, und er ist glücklich. Und ich auch.

Gabi besitzt das sog. Tuchler Haus. Ein interessantes und berühmtes Haus, das 1934 aus Kupfer gebaut wurde und eine sehr interessante Geschichte hat. Es gibt nur 14 von diesen Häusern in Israel. Gabis Haus schmiegt sich an einer der steilen Hänge von Haifa, geduckt zwischen steinernen Villen, Oleanderbüschen und Pinien. Die Geschichte des Hauses ist eng verknüpft mit der Vernichtungsmaschinerie der Nazis. Allein von März bis September 1933 emigrierten 6000 jüdische Deutsche nach Palästina; bis 1938 waren es ca. 200.000 Menschen, die vor den Nazis flohen, u.a. Hermann Tuchler, ein angesehener Jurist und Wirtschaftsprüfer aus Breslau. Im April 1933 verhängten die Nationalsozialisten ein Berufsverbot gegen Tuchler. Im September erwarb er daraufhin ein Kupferhaus, Typ “Jerusalem”, mit fünf Zimmern und einer Veranda und verließ Deutschland. In diesem Haus wohnen wir.

So gehen die Tage dahin, es wird immer heißer, und manchmal weht ein Windchen. Man sollte Wein trinken, davon gibt es viele (300 Weinfarmen in Israel) und teilweise sehr gute. Ein fruchtiger spritziger Sauvignin Blanc aus dem Galile, oder ein kräftiger Roter aus dem Negev. Unfassbare Auswahl. Die Weinläden sind sehr nett und teuer, man muss was anlegen. Dazu Wasser – immer wieder Wasser. Bloß nicht austrocknen. Wasser und Wein. Nicht Wasser predigen und Wein trinken. Beides ist viel besser.

 

 

 

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