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Robert Kappel, Marys bukolische Wanderungen, 31.7.2017

Am Spätnachmittag Anfang September zog sie los. Mary setzte sich die Trollkappe auf, schnürte den Rucksack zu, eng gebunden, und verließ den Hof. Querfeldein über die fruchtbaren Felder hin zum kleinen Wald, wo sie zum ersten Mal haltmachte. Sie prüfte die Brombeeren, aß und vergaß die Zeit. Bald hatte sie den Rucksack mit den schwarzen Früchten prall gefüllt, mehr sollte nicht rein. Sie hielt inne, ein Reh sprang durch das tiefe Gras – hinein in das kleine Waldstück. Sie nahmen Kontakt auf, spielten miteinander, gefühlte Nähe, so als würden sie sich jeden Tag sehen. Danach wieder das leise Sirren der Gräser, kein Vogel weit und breit, es war heiß. Die Sonne gab an diesen Tagen viel Kraft. Das Licht ließ sich nicht von den kleinen Wolken vertreiben. Diese Stille, ein Summen gelegentlich. Die Bienen zogen davon. Im Gras versteckte sich eine Maus, die sich gestört fühlte. Mary nahm alles zur Kenntnis, sie sprach mit den Pflanzen und den Tieren. Gelegentlich warf sie einen Blick zum Horizont und zur Förde, die nicht weit weg ruhig vor sich hin dämmerte. Dieser Sommer war besonders, an den Tagen die Bauern und ihre Helfer bei der Arbeit, Pflügen, Eggen, die Ernte einbringen. Die Früchte auf dem Boden zum Trocknen. In der Mühle das Korn mahlen.

An den Abenden immer wieder Sturm und Gewitter. Mary legte den Kopf zurück, erinnerte sich an den Beginn der Kriegshandlungen. Damals mussten die Männer los. Auch ihr Schwiegersohn, während Hugo, ihr Ehemann zu Hause blieb und im Abwehrkampf bei der Flugabwehr eingesetzt wurde. Nachts flogen die Briten ihre Angriffe auf Rendsburg und Kiel. Im Ort stürzte nur einmal ein britisches Jagdflugzeug ab und brachte den Mob auf die Straße, um den Piloten zu lynchen. Aber mutige Männer und Frauen und die Militärpolizei waren schnell da und brachten die aufgeheizte Masse zur Ruhe.

Abends am Radio. BBC übertrug Nachrichten, immer öfter wurden Niederlagen gemeldet, immer öfter die Zahl der Toten genannt. So manch einer der Soldaten kam mit Verletzungen ins Lazarett und durfte ein paar Tage Heimaturlaub machen, bevor es wieder zum Einsatz ging. Viele kehrten nicht heim. Hugo wurde manchmal leichtsinnig, vor allem wenn er mit den Abwehrhelden der Flarag die britischen Angriffe stoppen sollte, dann sagte er „Wir verlieren den Krieg“, das wird uns alles kosten. Wir haben Millionen Menschen vernichtet. Wir werden nie wieder auf die Beine kommen. Und sie hörten von Freunden auf der anderen Seite der See, dass es in Dänemark Widerstand gab. Sie stritten sich mit dem Bruder, der der Bürgermeister war und stramm nazirechts. Er drohte mit dem Konzentrationslager. „Wehe wenn Du dien Schnuut nie höölst, dann ward dat bös enden. Lat die dat gesegt sein. Ick war die wohl melden und dann holt de die ab“. Dann aber protesteten sie sich zu. Wenigstens gab es noch Grog am Abend, sie hatten einiges gebunkert für die Wintertage. Karten spielen, Suupen und auf den Gefreiten an der Macht schimpfen. Ganz ungeniert, wenn sie in der Familie unter sich waren, fürchteten sie sich nicht. Nur manchmal sprachen sie leise, wenn noch mehr Unheil drohte.

Mary erinnerte sich an die gestrige Nacht. Wieder einer dieser langen Abende im September, die Ernte war eingefahren, es gab ein bisschen Luft. Man konnte wieder Skat spielen, die untergehende Sonne genießen, die letzten Sonnenstrahlen vor dem einsetzenden Herbst. Mary prüfte die Haselnüsse, Walnüsse, die Äpfel und die Schlehen zwischen ihren Fingern. Die brauchten noch ein paar Tage und Wochen, bevor sie geerntet werden konnten. Alles für die langen Winter, frische Nüsse,  Hollunderbeersaft, Lindenblüten und selbstgemachten Schnaps. So ging es aus und ein. Jedes Jahr. Nahm niemals ein Ende. Und so war es gut.

Sie kehrte heim, die Arbeit war in vollem Gange. Kühe melken und Kühe zurück auf die Koppel bringen.

Sie setzte sich in die geschützte Steinwallecke und rauchte ihre einzige Zigarette des Tages. Tief einatmen. Wie mag es wohl Ille gehen, die alleine mit der Tochter im Haus war und das Kind zu Bett brachte. Sie war immer in Angst vor der schlechten Nachricht. Tutti ebenso, die war noch weiter im Norden und musste einen ganzen Hof mit ein paar Arbeitern schmeißen. Würden sie alle wieder zusammenkommen, würde Asmus zurückkehren, wenn dieser Krieg zu Ende ist?

Sie hatte ein ungutes Gefühl, selbst der Pastor, ein lustiger Geselle, mit dem sie früher ganz gut zurechtgekommen waren, schlug inzwischen diese deutschnationalen Töne an. Durchhalten und Gottvertrauen. Sich hinter dem Führer scharen. So ein Wicht von Glaubensbruder. Große Worte vom Evangelium, und ein durch und durch wortmächtiger Anhänger der Deutschen Christen. Immer mehr mieden ihn, man wusste nicht so genau, woran man mit ihm war.

Der Abend ging zu Ende. Noch einmal über den Hof. Morgen wird wieder ein Tag kommen. Unruhe breitete sich aus, nervös schaute sie zum Himmel. Hugo wieder im Dienst. Immer dieser ängstliche Blick aufs Meer, dort würden sich die britischen Flieger zum Bombenabwurf bereit machen. Dann der Donner und die Flammenberge. Erst wenn die Sonne langsam zum Vorschein kam, trat wieder Stille ein. Morgen würde es nicht anders sein.

Gedicht

Seelenkartoffel

https://wordpress.com/post/graensengrenzen.wordpress.com/185

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