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Rezension von Robert Kappel, 30.8.2017

Jochen Missfeldt: Sturm und Stille

Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 2017, 345 Seiten

Wie sich der Faden immer weiter spinnt. Das gradlinige Erzählen – von Station zu Station. Die Frauenerzählersperspektive, die einfühlsame, einsame und mutige Doris Jensen. Theodor Storm, der Pfau und Hypochonder, der sich auf seine Arbeit und sein Gedichte-Schreiben zurückzieht. Er muss zu Constanze, die er geheiratet hat. Wie jammerschade für Doris und wie beleidigend er ihr Leid zugefügt. Der Mann klemmt sich ein in die Konventionen. Die junge Frau wagt viel, ihren Ruf, ihre Unschuld und ihre verpassten Möglichkeiten.

Jochen Missfeldts Roman handelt von der großen Liebe zwischen Doris Jensen und Theodor Storm, die doch noch zusammen kamen. Ein Buch, das das Herz berührt. Kann man seine große Liebe irgendwann doch noch lieben und trotz der widrigen Umstände zusammenkommen? Wie lange muss frau/man warten? Wieviel hält eine Liebende aus, ohne zu verwittern und zu verzagen? Jochen Missfeldt nimmt sich dieser großen Geschichte an. Diese ist kurz erzählt. Kurz bevor Theodor Storm seine Verlobte Constanze Esmarch 1846 heirat, geht er eine Liebesbeziehung mit der achtzehnjährigen Doris Jensen ein. Aber sie werden getrennt. Das Liebesverhältnis hält dennoch an, und als Constanze nach der Geburt ihres siebten Kindes stirbt, finden die beiden endlich zueinander.

In Husum und in vielen kleinen Orten mit ein paar Hundert Einwohnern begegnen sich Doris und Theodor, sie treffen sich heimlich, lieben sich, gehen sich aus dem Weg, schicken sich Briefe und verharren im Alltag. Sogar die Familien der beiden kommen zusammen. Alles en detail und en gros. Alles findet seinen passenden Platz in diesem Buch: Husum, die lauschige Kleinstadt am Meer, Wind von den Halligen, Landunter, die hügelige gemütliche Landschaft Schwansens, und dann plötzlich dieses wunderbare Licht, das das Leben auf Hochtouren bringt. Nichts ist gelassen, alles schweift aus. Die Feiern, das Kaffeetrinken, die Ausflüge und die Bootfahrten.

Immer wieder ein Spaß auf den Lippen, Jochen Missfeldt hat Humor, der so völlig unvorbereitet daher kommt. Er spielt die Charaktere aus, er gibt ihnen Steilvorlagen und Theodor Storm bleibt mit der roten Nase im Wind und verkrümelt sich mit Federkiel hinter seinen Schreibtisch und vor seinen Chor. Ein angepasster Dichter im Widerstreit zwischen beruflicher Karriere, Schriftstellerei, Familienverpflichtungen und seiner Liebe.

Kongen leve! Der dänische König zieht durchs Land und macht seine Aufwartung. Das Land im Krieg. Die Dänen kommen schlecht weg. Sie sind hochnäsig und finden die Deutschen faul. Das wundert nicht, aber sind sie so schlecht? Wenn sie den Dannebrog hochziehen, um zu provozieren und sich dicke zu machen, da kann sich die deutsche Volksseele schon aufregen. Ja, alles spielt in dieser unheilvollen Zeit des Kampfes der Dänen gegen die Deutschen, d.h. besser die Schleswig-Holsteiner, denn der reine Preuße ist auch im Land zwischen den Meeren ungern gesehen.

Und da hoppelt die Kutsche über die Steine, da zieht schon mal ein Zigeunermädchen – das Tater-Mariechen – in die Gesellschaft ein, um dann eines Tages wieder zu verschwinden. Da gehen Unternehmen pleite, die Welt befindet sich im Wandel, sogar oben an der Küste.

Doris hält alles aus, sie putzt, sie gestaltet die Gärten, sie geht den vorbestimmten Weg – weg von Storm, der ihr keine Bleibe geben will, weil er bei der ebenfalls unglücklichen Ehefrau bleibt und sein Gerüst nicht verlässt. Die Frauen in der Zwangsjacke, und doch hier und da ein Aufbäumen. Jugendliche, Doris und Mummy. Die Gesellschaftsdamen mit ihren Etiketten-Firmen spiele ihre Rolle, sie bimsen den Reichen die guten Sitten ein. Die Frauen sind meist die Starken, sie machen, sie nehmen in die Hand. Und ihnen geht der Humor nicht ab. Cile hingegen schwächelt.

So geht die Geschichte einen unglaublichen schnellen Gang. Seite für Seite immer wieder überraschende Momente. Komik, Nachdenkliches, Eigenartiges, Spökenkieker und vor allem Landschaft, alles was der Norden in Schleswig zu bieten hat, manchmal auch ein bisschen Holstein.

Komme was wolle, Jochen Missfeldt ist ein gutes Stück gelungen. Das Ganze voller Kraft, voller intensiver Momente, voller eigener Poesie. Manchmal dazwischen eine Zeile von Storm, der wenigstens in seinen Gedichten die Höhe hielt, wenn auch nicht zu Doris. Und ein paar wenige Tagebücher von Doris, die Jochen Missfeldt zitiert, die ihren Alltag, ihr Heimweh und ihre Sehnsucht schildert. Eine junge Frau im Wartezustand der örtlichen Veränderung.

Die Wolken fliegen davon, Storm versteckt sich im Haus, Doris trippelt über die Landstraßen und wird von hier nach da geschickt, sogar bis nach Fobeslet nahe Kolding. Dort muss sie hart schuften, morgens früh geht die Melkerei los. In den Wintertagen sind die Hände fast gefroren und oft schläft sie während der Arbeit ein. So ausgebeutet wird sie von der befreundeten Gutsbesitzerfamilie Lorenzen, bis sie schließlich in Holkenis in Stellung geht.

Die Konventionen hegen sie ein und sie fügt sich nur oberflächlich. Sie liebt und hält fest, sie arbeitet hart, sie hat Heimweh, sie lebt und genießt, und sie wartet, bis er denn kommt, bis er denn frei ist. Wie in allen großen Liebesgeschichten kriegen sie sich dann doch noch. Sie finden sich wieder. Zur Hochzeitsfahrt zieht es Doris nach Hamburg, sie will hinaus in die Welt, doch auf sein Geheiß fahren sie dann doch lieber zum Hegereiter auf die Hallig. Lernt er denn nicht dazu?

Ein Roman der Extraklasse, geschrieben von einem Autor, der kunstvoll und gefühlig schreiben kann, der lustvoll die so unterschiedlichen Menschen gestaltet, der das Milieu einfängt wie keiner zuvor, der dem Bürgertum, dem einfachen Mann und der einfachen Frau eine Stimme gibt. Manchmal auf Plattdeutsch und mit Worten, die aus der Mode gekommen sind. Jochen Missfeldt hat die Natur eingefangen und lässt sie in seine Texte einfließen. Er kennt die Straßen von Immenstedt nach Viöl, von Husum nach Flensburg und nach Solsbüll, diesem Ort der Verheißung, dort wo die Brautschau stattfindet. Das Buch handelt vom Meer, vom Fluss, von den Deichen, vom Wind, den Naturgewalten und vom Licht. Alles ein gekonntes Gemisch von tiefem Verständnis für die Liebe, die Sehnsucht, den Zweifel, die Zeit, das Alltagesleben und den Himmel.

Das Buch zieht einen rein, in die Zeilen, die Abschnitte, die Stationen von Doris, in die Lebenswelt des Advokaten Storm, in das Dorf- und Stadtleben, und weiß für die Pfarrer, den König, die Bauern, die Referendare, Mummy, Alte und Junge den Ton zu finden. Was für ein Buch. Was für ein Buch, das der jungen und alten Doris das Wort erteilt. Wie schreibt Jochen Missfeldt zu Anfang: „Ich bin es, der ihr die Worte in den Mund legt, das nehme ich mir heraus. Wörter können sagen und singen. Und wozu das Ganze? Um in den Raum einzutreten, in dem sich alles vollzog, um durch das Fenster hinauszublicken in die Landschaft, die alles umgab, um den Ort zu finden, dem alles innewohnt, und schließlich: um das Herz zu finden, in dem alles beschlossen ist. Zart wie das Kind, das der Liebe entspringt“.

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