Tags

, , , , , ,

Abschiede von Afrika (Liberia, 1992) von Werner Elisat

21.10.2017

 

Starrte auf die glänzenden Körper, aufgewühlt

und entsetzt von den schwingenden Bewegungen der Armut,

still verheißener Lust. Übersah, wie er sagte,

die grüne Mamba auf den vertrockneten Zweigen.

Er wußte nicht wo. Immer noch auf den sandigen Trecks

und der Suche nach Geheimnissen in Wellblech gedeckten Hütten.

 

*

Im unüberschaubaren Gewirr der Hütten

verliert sich die Spur eines Forschungsprojekts.

Nur die Bewohner kennen die Straße.

Im Grenzgebiet von Sonne und Staub

gelten die Gesetze der Unversehrbarkeit.

 

*

Wir machen durch bis wir abreisen.

Die Schwarzen machen Pausen. Arbeiten mittags

schon gar nicht. Zu heiß. Und überhaupt

hat das Leben mehr zu bieten als Arbeit.

Jedenfalls für den, der es sich leisten kann.

 

*

 

Einer sah die Küste

mit den Augen des Managers.

Transzendenz ist kein Privileg

von Propheten.

 

Der Bauch des kleinen Hundes

war so weiß wie die Haut des Kindes

das sie ihm hinhielt als sei er

der verantwortungsvolle Vater.

 

Wir sehen am Morgen den Markt vor der Tür,

stehen zwischen Pfefferhäufchen und Fisch,

Blechschüsseln, Gummischuhen, Stoffen aus Hongkong.

 

Kassavablätter im Mortar

als schmieriger, grün

glänzender Klumpen.

 

*

 

Heimweh äußert sich als körperlicher Schmerz

unter der Lappa, eitriger Ausfluß, Fieber.

In der Kehle rostet der Staub. Roter Pfeffer.

Ein Glas Wasser, eine Cola auf schmerzenden Füßen.

 

*

 

Der Jeep befördert den Raucher

zu den Inseln des Glücks im Busch

zu den Pflänzchen am Rande des Hains.

Der Jeep lenkt den Raucher nach Haus.

Der Raucher kotzt, der Raucher

sitzt über dem Papier im Licht

der Lampe vor dem Schirm der Nacht

und den unvermeidlich sirrenden Zikaden

vor der Kulisse des undurchdringlichen Walds,

der seinen Rausch nicht preisgeben will.

Der Raucher macht seine Mappe zu.

Der Raucher geht in den Kindergarten.

 

*

 

Die Gewaltsamkeit des Urwalds,

die Banalität von Baumparadiesen

und die gewöhnliche Beschwerlichkeit

des Gehens. Die Trauer in der würdevollen Gestalt

der Frauen vor der verfallenen Rundhütte

über den Verlust der Vergangenheit.

 

*

 

Nie mehr mit einem faschistoiden Haufen

von Kleinbürgern auf engem Raum.

Wir sitzen eben nur manchmal im gleichen Boot.

Der, den sie auf ihn hetzten, hieß Pest.

Die Realsatire der Postmoderne

ist eine Erfindung der achtziger Jahre.

Ein unbeabsichtigtes Produkt der Prosperität.

Vorher war die Wirklichkeit tödlich, oder fast.

Er hätte zum Mörder werden können. Messer im Bauch.

Das ist eine andere Rechtfertigung individuellen Terrors.

Die Hunde beißen die Einzelnen, nicht die Letzten.

 

*

 

Die Modernisierung einer mörderischen Zukunft

ist unvermeidlich. Das Erschrecken

über die Richtigkeit der Intuition,

die er nicht wahrhaben wollte. Vor der Gewalt

wird selbst das esoterische Wissen stumm.

Die das Licht scheut, die Klarheit der Abende

und der kühle Morgen. Projektion

der eigenen Gewalttätigkeit in die Geburtstagsrunde

oder die Zukunft der Dorfbevölkerung.

Im Prisma der persönlichen Geschichte,

an den Schnittpunkten der aufgezehrten Zeit

scheint die totale Zerstörung auf.

Es gab schon damals keine Aussicht auf Zukunft.

Nachher sind wir allemal schlauer.

 

Werner Elisat ist Soziologe und schreibt Gedichte. Er lebt in Hessen

 

 

 

Advertisements