Das Buch “Hohenstein” – Revision der Geschichte

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Bogislav von Gerlach, Hohenstein – Ein deutsches Jahrhundert in Familienbildern, Eichthal 2019: Edition Eichthal, ISBN: 978-3-9817066-5-9, 304 Seiten.

Rezension von Robert Kappel, 13.5.2020

Pdf-Datei. Click hier: vonGerlach.Hohenstein

Bogislav-Tessen von Gerlach erzählt die Geschichte des Landgutes Hohenstein, das an der Ostsee in der Nähe von Eckernförde liegt. Das Buch behandelt drei wesentliche Stränge der Familiensaga, den Hamburger Zweig, den Kölner Großvater und das Hohensteiner Elternhaus. In einem Ritt durch die Geschichte beschreibt der Verfasser in dem reich bebilderten Buch von mehr als 300 Seiten das Agieren und die Bedeutung der Familien von Schröder und von Gerlach von der Kaiserzeit, über die Weimarer Zeit, bis hin zur Nazizeit und schließlich die Entwicklungen nach 1945. Ein Kapitel gilt dem Vater des Autors, Tessen von Gerlach. Dieser besucht in den 1990-er Jahren das ehemals im Besitz der Familie befindliche Herrenhaus Parsow in Pommern. Der Vater des Verfassers widmet sich bis zu seinem Tod der Aussöhnung zwischen Polen und Deutschen.

Die Rezension befasst sich insbesondere mit der Darstellung der Rolle von Kurt von Schröder, den Kölner Bankier, den Großvater des Verfassers und Mitbesitzer von Hohenstein. Er war der Nationalsozialist in der Familie. Vor ein paar Jahren entdeckt der inzwischen über siebzig Jahre alte Autor auf dem Boden Hohensteins Kisten mit unzähligen Familiendokumenten, die er sichtet, sortiert und auswertet.

„Baron Kurt“ – so sein Hohensteiner Spitzname – war seit dem Jahr 1921 Teilhaber der Kölner Bank von Stein und begann Ende der 1920-er Jahre zunächst als Mitglied der Deutschen Volkspartei politisch aktiv zu werden. Von Schröder unterzeichnete bspw. im November 1932 die “Industrielleneingabe” an den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, in der Unternehmer, Bankiers und Landwirte die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler forderten. Recht früh unterstützte er die NSDAP, in die er zwei Tage nach der Machtergreifung eintrat. Bogislav von Gerlach erzählt die Geschehnisse in allen Einzelheiten. So hat von Schröder bspw. in seinem Haus in Köln-Lindenthal am 4.1.1933 ein Treffen von Adolf Hitler und Reichskanzler von Papen mitorganisiert. Heinrich Himmler und Rudolf Hess waren ebenfalls anwesend. Baron Kurt wurde nach der Machtübernahme einflussreicher und übernahm zahlreiche wichtige Führungspositionen in mehr als dreißig Unternehmen und Verbänden. Von Schröder gehörte auch zum Freundeskreis ‘Reichführer SS’ für Wirtschaftsfragen und verwaltete das „Sonderkonto S“ in seinem Bankhaus von Stein, auf das die Mitglieder des Freundeskreises Gelder in Millionenhöhe für Sonderaufgaben von Heinrich Himmler einzahlten. Im Jahr 1936 trat er in die SS ein. Laut seiner SS-Beurteilung vom 10. August 1937 stand er in einem besonderen Vertrauensverhältnis mit dem Führer und wurde häufig von Hitler zu vertraulichen Besprechungen und Missionen gerufen. Im Jahr 1942 wurde er SS-Brigadeführer. Der Verfasser des Buches erwähnt das SS-Führungszeugnis in seiner Darstellung nicht, offenbar passt es nicht in seine Sicht auf den Großvater.

Welche Hochachtung Kurt von Schröder in den Führungszirkeln der NSDAP genoss, zeigt sich auch an seiner internationalen Rolle. Hier kam ihm zugute, dass er wirtschaftliche Verbindungen vor allem nach Großbritannien und in die USA pflegte. So vertrat er viele Jahre Nazi-Deutschland in der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, und er leitete bis zum Kriegsende die Kölner Industrie- und Handelskammer. Er setzte sich zudem für die Arisierung des Bankwesens ein und drängte trickreich jüdische Führungskräfte aus ihren Positionen, bspw. den Präsidenten der Industrie- und Handelskammer, Paul Silverberg.

Bogislav von Gerlach charakterisiert seinen Großvater in seinem Buch zwar als Mann mit einer „deutlich artikulierten nationalsozialistischen  Einstellung“, doch vom Wesen sei er ein weltoffener, kultivierter, besonnener Humanist und eine „noble Erscheinung“ gewesen – alles Attribute, die dem Verfasser in Erinnerung geblieben sind. An manchen Stellen schildert er die Aktivitäten seines Großvaters mit einer gewissen Abscheu und kritisiert ihn manchmal vorsichtig. Letztendlich aber sitzt er dem Treiben seines Großvaters auf. Dies hat u.a. auch mit den Quellen – vor allem die vielen Briefe der Familie, zu tun, die der Verfasser benutzt. Der Autor reflektiert nicht den Forschungsstand, sondern wertet die Familiendokumente aus.

In seine Schilderung fließen die Verbrechen des Naziregimes eher beiläufig ein, während er den familiären Erschütterungen der letzten Kriegsjahre in Köln viel Platz einräumt. Man könnte ihm ahnungsloses Schreiben vorwerfen, aber es ist doch mehr, denn er relativiert die Verantwortung seines Großvaters, indem er seine Beteiligung an den Verbrechen vage umschreibt und nach Entschuldigungen für sein Verhalten sucht. So behauptet Bogislav von Gerlach, wie sehr Kurt von Schröder sich in Gefahr hätte begeben können, wenn er sich vom Regime distanziert hätte – was er nicht tat, denn er war ja Teil des Machtapparats. Entschuldigend vermutet Bogislav von Gerlach, sein Großvater habe versucht, „seinen menschlichen Anstand zu wahren“.

Auch ein anderes Thema gehört in die Box der verschleiernden Beschönigung. Von Schröder habe sich für den „freien Warenaustausch“ während der Nazizeit eingesetzt. Ob es dafür Beweise gibt, bleibt offen. Aber in jedem Falle lenkt diese Passage des Buches vom deutschen Protektionismus und Chauvinismus, von der Kriegsökonomie, vom eroberten Raum, der Expansion, der wirtschaftlichen Unterwerfung großer Teile Europas und von den Überfällen und der Einverleibung anderer Länder in das ausbeuterische Wirtschaftssystem des Deutschen Reichs ab.

Unter der Überschrift „Nur ein Mitläufer“ wird der Verfasser deutlich, aber auf welche Art: Da schreibt Bogislav von Gerlach, Kurt von Schröder sei das Ausmaß der Verbrechen des Regimes möglicherweise verborgen geblieben, aber von der „Brutalität und Willkür … gegenüber Juden, Christen und Systemkritikern“ habe er gewusst. Auch habe er in bester Absicht gehandelt und sei „von der Hitler-Regierung belogen, betrogen und auf gemeinste Weise getäuscht“ worden. Was für eine Umkehr der eigenen Verantwortung! Der Buchautor lässt diese Passage unkommentiert stehen. Kurt von Schröder wäscht sich rein, und darin folgt der Autor ihm, auch wenn er ein paar kritische Fragen an das Verhalten des Großvaters formuliert. Diese sind eher rhetorischer Art, denn von Gerlach bekennt: „Allerdings deutet Kurts Verhalten darauf hin, dass er seinen schweren Irrtum und seine fehlgeleitete politische Vergangenheit durchaus bedauert“. Worin dieses Bedauern besteht, wird jedoch nicht deutlich. Hingegen ist Kurt von Schröder sich sicher in seinem Urteil über die Deutschen: „Wir Deutsche haben leider leider sehr gesündigt“ – doch er selbst, der Spitzenfunktionär, der SS-Mann, der Himmler- und Hitler-Kompagnon, habe damit nichts zu tun: „mein Gewissen … (sei) bei strengster Prüfung völlig rein“ gewesen.

Am 8. Mai 1945 dann der „Zusammenbruch“. Baron Kurt notiert die Zerstörungen Kölns und die Flucht der Menschen. Er erlebt das „Ende in Trümmern“. Geradezu unangenehm muss berühren, wie er seine Verhaftung, seine Odyssee durch die Lager der Alliierten und die Verurteilung durch die Nürnberger Prozesse erklärt. Er litt in der Phase seiner Internierung durch die Alliierten unter „fürchterlichsten Haftbedingungen“, bspw. im „unmenschlichen Lager“ Büderich. „Ich lag den Mai über im ‚Lager‘ Büderich mit ca. 30.000 Mann völlig im Freien auf blanker Erde umgeben von Stacheldraht… Mit bloßen Händen oder Dosen müssen sich die Gefangenen Schutzlöcher und Höhlen in die matschige Erde graben“. Es bleibt ein schaler Nachgeschmack, wenn der Verfasser das Leiden seines Großvaters nicht in Verbindung zur Vernichtung von Millionen von Menschen durch die Nazis bewertet.

Während Kurt von Schröder in verschiedenen Lagern der Alliierten auf seinen Prozess in Nürnberg wartet, verbringt seine Frau Edith nach dem „infernalischen Ende des Dritten Reiches“ in einem kleinen Dorf im Vogelsberg ein Leben in der „Idylle der Abgeschiedenheit“, bevor sie nach Hohenstein zurückkehrt. Doch auch im Vogelsberg kommt der Krieg an. Eines Tages erblickt sie im Jahr 1945 einen Marsch von KZ-Angehörigen: „Schreckensvolle Gestalten, zu Skeletten abgemagert in schwarzen Anzügen mit gelben mysteriösen Zeichen auf dem Rücken“. „Es sind Leute aus dem KZ“, raunt ein Werksangehöriger ihr zu. Hatte sie von den Judenverfolgungen in Köln nichts mitbekommen, hatten sie keinen Judenstern gesehen? Wie konnte – so Edith von Schröder – nach „Christus und Goethe“ „etwas dergleichen geschehen“ und hat umgehend eine Entschuldigung parat: „Ja, es muss Teufel geben, die solches vollbringen“. Der Dämon hat es also gemacht und nicht das Regime und all die Mitstreiter. So als habe sich das Ehepaar gegenseitig ermuntert, charakterisieren die beiden das Böse schließlich im Jenseits, bei den Wahnsinnigen: “Was diese Wahnsinnigen in den letzten Jahren alles umgebracht haben“. Von Gerlach lässt diese ungereimten Sätze unkommentiert stehen, wonach der Wahnsinn erst in der Endphase des Regimes stattfand. Wie die Forschung umfassend dokumentiert hat, beginnen die Nazis nach der Machtübernahme jüdisches Leben einzuschränken, die Juden systematisch zu vertreiben, sie zu enteignen und schließlich in den Konzentrationslagern zu vernichten und die von Schröders waren Teil dieser Vernichtungsmaschine.

Ohne große Strafe im Nürnberger Prozess kehrt Kurt von Schröder im Jahr 1948 nach Hohenstein zurück, wo er in der „Oase himmlischer Ruhe“ im Jahr 1966 verstirbt.

Zweifelsohne ist Baron Kurt kein Wankelmütiger gewesen, der in die Umtriebe der Nazis unwissentlich hingeriet. Er ist in jeder Pore ein Täter, ein in der Hierarchie der Nazis weit oben stehender Führer und ein Antisemit. Er zögerte nicht, sondern war aktiv und karriereorientiert. Dennoch findet von Gerlach für seines Großvaters Handeln durchgängig Entschuldigungen. Man kennt es schon von vielen anderen Nazigrößen und man mag es nicht mehr hören: Von Schröder habe doch einzelne Juden geschützt. Er sei doch selbst gar nicht verantwortlich gewesen, er habe doch immer wieder gewarnt. Oder er sei ja zum SS-Mitglied „ehrenhalber“ ernannt worden und habe sich dagegen nicht wehren können, und er sei „zutiefst erschüttert“ „über Ausmaß und Umfang der ihm verborgen gebliebenen und nach dem Kriegsende aufgedeckten unvorstellbaren Verbrechen“ gewesen. Der Schreiber des Buches bedient alle diese scheinheiligen Klischees.

Von Gerlach blendet zudem viele Geschehnisse in seinem Buch aus: Man hätte gern gewusst, wie viele Zwangsarbeiter das Gut Hohenstein beschäftigt hat. Man hätte gerne Informationen über die Kriegswirtschaft der Nazis erhalten, über ihre Netzwerke, die auch nach dem Ende der Nazizeit weiter bestanden, und man hätte gern genauer erfahren, was Baron Kurt nach seiner Haftentlassung bis zu seinem Tode gemacht hat. Hat er in Köln, Hamburg und Hohenstein privatisiert – wie von Gerlach nahelegt?

Bogislav von Gerlach tut sich mit seinem Buch über die Hohensteiner Familiengeschichte keinen Gefallen, im Gegenteil. Er beschädigt das Ansehen seiner Familie, weil er nicht eindeutig benennt und verurteilt, weil er die Verantwortung seines Großvaters relativiert und revidiert. Zu groß ist offenbar seine Hochachtung vor dem paternalistischen Familienchef und zu gefangen ist er in der Familiengeschichte.

So steht am Ende die Frage, wie konnte das Buch in der vorliegenden Form, 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, überhaupt veröffentlicht werden. Wie war es möglich, dass der Verleger ein angemessenes Vorwort zu dem Buch schreibt, aber Bogislav von Gerlachs offenkundige Revision der Geschichte durchgehen lässt. Von einem Verleger wie Jens Uwe Jess hätte man erwarten können, dass er die Halbwahrheiten, die Schutzbehauptungen und Ausflüchte nicht so stehen lassen würde. Vollkommen irritiert jedoch der Schlusssatz des Herausgebers: „Wir erleben heute weltweit einen wachsenden Nationalismus, in vielem vergleichbar mit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Dieses Buch ist – auch – eine Warnung vor den Folgen. Den einzig möglichen Weg in eine bessere Zukunft zeigt uns Tessen von Gerlach“. Genau das trifft in keiner Weise zu, nein – im Gegenteil. Der bessere Weg in die Zukunft kann nur dann gelingen, wenn wir uns der Verantwortung für die Geschehnisse der 1930-1945-er Jahre bewusst sind und sie nicht verschleiern.

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